Donnerstag, 21.11.2019 15:51 Uhr

Romantik in Frankfurt: Einhegung in Goethes Schatten

Verantwortlicher Autor: Michael Scheuermann Frankfurt am Main , 16.10.2019, 18:12 Uhr
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Frankfurt am Main [ENA] Die Präsentation der Romantik als selbstständige Epoche mit Abstrahleffekten auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Suchprozesse Europas wird es im neuen Romantik-Museum in Frankfurt wohl kaum geben. Das zeigt einmal mehr der Vortrag „Goethes West-Östlicher Divan“ im Rahmen der Reihe „Was ist Romantik“ am 22.10.2019 im Goethehaus. Die Gesprächsstaffel 2019 will sich mit Grenzgängern der Romantik befassen.

Goethes Alterswerk könne - so Anne Bohnenkamp-Renken, Leiterin des Goethehauses und demnächst auch des neuen Romantik-Museums - nicht als romantische Dichtung angesehen werden. Darüber hinaus lässt sich an Vortragsgegenstand und Referenten ablesen, dass man bei der kulturalistischen Engführung von Begriff und Epoche bleiben wird: An diesem Abend diskutieren einmal mehr ausschließlich Literaturwissenschaftler und fragen nach der Relevanz des "Divan" für die Romantik. Im Gegensatz zu dem, was in Sachen Romantik in der Mainmetropole wetterleuchtet, versprechen Programmatik und Zielstellung auf der Website des 2021 in Betrieb gehenden 16 Millionen Euro teuren Museums, viel mehr: Die europäische Identität solle hier reflektiert werden.

Dies vor allem deshalb, weil „die Ideen der Romantik weit über die engeren Epochengrenzen hinweg (1790-1850) wirksam geblieben und für Deutschland bis heute prägend“ seien (https://deutsches-romantik-museum.de/das-projekt). Schließlich werde im Zentrum der Auseinandersetzung mit den kulturellen Leistungen der für die deutsche Geschichte und Politik folgenreichen Epoche im neuen Museum auch die Frage nach „philosophisch fundierten Konturen des modernen westlich-europäischen Menschenbildes“ stehen. Von diesen Visionen und Versprechen ist man sich im Goethehaus mittlerweile abgerückt: Es zeigt sich immer deutlicher, dass man vor der Museums-Eröffnung die Romantik in literaturwissenschaftliche Fachdebatten einzuhegen gedenkt.

Die romantischen Gesellschaftsanalysen und -visionen eines Novalis und Brentano als Diagnoseinstrumente und Therapeutika einer aus aus den Fugen geratenen Moderne sollen nicht kommuniziert und multimedial zu präsentiert werden - zulasten hoher Besucherzahlen. Die literaturwissenschaftliche Einhegung der Romantik-Rezeption hat sich in Frankfurt schon vor drei Jahren angekündigt. Schon damals hatte die Direktion einem gesellschaftsoffenen Konzepten eine Absage erteilt. Man könne für das neue Museum nicht den Anspruch erheben, die europäische Romantik abzubilden, schon allein der kleinen Ausstellungsfläche wegen. Auch werde in dem neuen Museum der Dialog zwischen Goethe und der Romantik eine wichtige Rolle spielen.

Die drei Stockwerke für die Dauerausstellung würden den Themen „Goethe“, „Romantik“ sowie „Goethe und Romantik“ gewidmet sein. Angesichts der Tatsache, dass man in Frankfurt in Sachen Romantik die notwendige diskusive Scharnierfunktion in den gesellschaftspolitischen Raum nicht wahrzunehmen gedenkt, darf man neidisch die Entwicklung in Weimar bestaunen: Dort hat die neue Präsidentin der örtlichen Klassik-Stiftung, Ulrike Lorenz, unlängst kundgetan, dass sie nichts von einer Entpolitisierung der museumskulturellen Aktivitäten hält: „All das, was wir tun, hat Anspruch auf Öffentlichkeit, damit agieren wir im politischen Raum“ ist einer ihrer programmatischen Kernsätze.

Der Gesprächsabend über „Goethes West-östlicher Divan“ findet am 22.10.2019 im Goethehaus im Rahmen der Vortragsreihe „Was ist Romantik“ statt. Im Gespräch mit dem Komparatisten Hendrik Birus, der 1994 Goethes „Divan“ für den Deutschen Klassiker Verlag ediert und kommentiert hat, fragt Anne Bohnenkamp nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden, die Goethes lyrisches Alterswerk mit der Romantik verbinden und von ihr trennen.

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