Dienstag, 14.07.2026 01:39 Uhr

Epikur – neue Bedeutung in der heutigen Zeit

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Frankfurt am Main, 13.07.2026, 19:00 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 525x gelesen
Auszug aus Bild von Epikur in der Schule von Athen (1509–1511) von Raffael.
Auszug aus Bild von Epikur in der Schule von Athen (1509–1511) von Raffael.   Bild: Kurt Lehberger

Frankfurt am Main [ENA] Die hellenistische Philosophie (ab ca. 323 v. Chr. bis ca. 200 n. Chr.) setzt das Verhältnis des Individuums zur Welt in den Mittelpunkt. Neben Epikur sind es die Stoiker und die Skeptiker, die die Philosophie in der Zeit nach Sokrates, Platon und Aristoteles bestimmen.

Die Fragen nach der Wahrheit, der Verantwortung und der Grundstruktur der Welt werden im Hinblick auf die Bedeutung für das gute Leben des Menschen gestellt und sind nicht mehr Selbstzweck. Die Situation der Menschen war erschüttert durch Kriege. Alexander der Große (359–323 v. Chr.) eroberte Griechenland und Persien. Diese Kriege schwächten die unabhängigen Stadtstaaten wie z.B. Athen. Dieser Wandel schuf den Nährboden für die neue Philosophie, die hellenistischen Philosophie (ab ca. 323 v. Chr. bis 200 n. Chr.). Athen war keine freie Stadt mehr. Die politischen Fragen interessierten nicht mehr. Wichtig war nun, wie der Einzelne inneren Frieden und Ruhe in einer unsicheren Welt finden kann.

Das ist ähnlich zu heute. Unsere Welt ist unsicher geworden, viele Politiker handeln unvernünftig und spalten die Gesellschaft. Wir erleben eine echte militärische Bedrohung und sind unsicher, ob wir kriegerische Auseinandersetzung auch in unserem Land einkalkulieren müssen. Viele Menschen leiden unter diesen Umständen. Wir haben deutliche Zeichen für eine zunehmende seelische und emotionale Beeinträchtigung der Gesundheit der jungen Menschen und zunehmende Einsamkeit bei jungen und alten Menschen. Epikur hat seine Philosophie auf die Unerschütterbarkeit, die heitere Seelenruhe (Ataraxie) ausgerichtet. "Die Lust ist Ursprung und Ziel des glücklichen Lebens." (Epikur, aus dem Brief an Menoikeus).

Gut ist für Epikur, was Lust bringt und Schmerz vermeidet. Das höchste Gut ist die Seelenruhe (Ataraxie). Lust ist nicht die Sinneslust oder die Wollust, sondern vielmehr die Abwesenheit von Schmerz und Furcht. Lust (Hedone) ist das höchste Gut. Lust bedeutet die Abwesenheit von körperlichem Schmerz (Aponia) und seelischer Unruhe. Das gute Leben, das “Glück” (eudaimonia) besteht in der Lust (hêdonê) als Abwesenheit von Schmerz und Furcht. Epikur kennt keine Pflichten (wie die Stoiker oder Kant). Er setzt seine Klugheit, seine praktische Weisheit (Phronesis), die Vorsicht und die Besonnenheit ein, um abzuwägen, welche Handlung dauerhaft zum besten Ergebnis in Bezug auf den Seelenfrieden führt.

Daraus abgeleitet, empfiehlt Epikur sich aus der Politik zurückzuziehen, um Stress zu vermeiden. Der Abstand zum Politischen und die Askese sind für Epikur Selbstschutz. Zu viel gutes Essen schafft Probleme und Schmerz, zu viel Teilnahme am Politischen schafft Probleme im Seelenfrieden (Ataraxie). Die geistige “Lust” hat weit höheren Wert als die körperliche. Gefühle werden nicht unterdrückt, sondern durch kluge Abwägung gesteuert. “Der epikureische Weise ist auf der Folter glücklich”. Mit diesem Zitat von Cicero Tusc. 5.73. unterstreicht er die Bedeutung der seelische Unerschütterbarkeit vor der körperlichen.

Die Tugenden sind ausschließlich von instrumentellem Wert. Sie sind nur so lange anzustreben, wie sie dem Seelenfrieden, der Unerschütterbarkeit dienen (ataraxia). Die Epikureer pflegen sehr die sozialen Kontakte. Die Geborgenheit und zwischenmenschliche Interaktion, die der Staat nicht (mehr) geben kann, erreichen sie durch innige persönliche Freundschaften, die im Garten (Kepos) der Philpsophie von Epikur gepflegt weden. Epikur sieht die Atome und die Leere als die Grundstruktur der Welt (Materialismus). Er hat den Atomismus von Demokrit übernommen. Für ihn ist das Universum ohne Plan und ohne Gott und unendlich. Der Mensch ist nicht Teil eines großen Ganzen, sondern Individuum ohne kosmische Pflichten (Kathêkon).

Es gibt keinen göttlichen Plan und kein Schicksal. Der Mensch ist frei in seinen Entscheidungen. Für Epikur ist die sinnliche Welt die objekive Erscheinung. Der Weise weiß mit Überzeugung, (Marx, S. 20). Epikur ist kein Skeptiker, er glaubt mit Überzeugung, etwas zu wissen (im Gegensatz zu Sokrates und den Skeptikern). „Der Philosoph und Dogmatiker (gemeint ist Epikur) dagegen (Bezug auf Demokrit), der die Erscheinung für real hält, sieht überall nur Zufall; und seine Erklärungsweise geht vielmehr dahin, alle objektive Realität der Natur aufzuheben.“ (Marx, S. 28). Epikur erfand die "Atomabweichung", eine zufällige Bewegung, um dem Menschen die Verantwortlichkeit seines Handelns zu geben und einen Ausweg aus dem Determinismus zu erlangen.

Die Atomabweichung sei „weder bestimmt durch den Ort noch durch die Zeit“ (Marx, S. 34). Das ist die Lücke des Determinismus. Epikur möchte uns durch die Anwendung von Vernunft von Ängsten befreien. Um glücklich zu sein, muss der Mensch sich zunächst von den vier großen Ängsten befreien, die sein Dasein einschränken. Es sind die Furcht vor den Göttern, die Furcht vor dem Tod, die Angst vor Schmerz und die Angst vor der Unmöglichkeit, ein glückliches Leben zu erreichen.

Epikur zeigt, dass sich die Götter nicht um die Angelegenheiten der Menschen kümmern und dass der Tod, die Abwesenheit von Empfindung, uns nichts bedeutet: „Solange wir sind, ist der Tod nicht; und wenn der Tod kommt, sind wir nicht mehr.“ Sind diese Hindernisse überwunden, kann sich der Mensch darauf konzentrieren, seine Wünsche zu meistern und einen tiefen und souveränen Seelenfrieden (ataraxia) zu erfahren.

Epikur unterteilt die Bedürfnisse in drei Kategorien: natürliche und notwendige Bedürfnisse (Trinken, Essen, Philosophieren), natürliche, aber unnötige Bedürfnisse (erlesene Speisen) und eitle Bedürfnisse (Ruhm, Reichtum). Weisheit besteht darin, sich mit der ersten Kategorie zufrieden zu geben, um Aponia, die Abwesenheit des körperlichen Schmerzes, und Ataraxie, die Abwesenheit seelischer Unruhe, zu erlangen. Epikureische Lust ist keine hektische Sinnesstimulation, sondern ein Zustand der Stabilität und Ruhe. Er beinhaltet die Reduzierung der eigenen Bedürfnisse auf das absolute Minimum. Indem der Weise ein nüchternes und zurückgezogenes Leben fernab politischer Wirren führt, genießt er die Zufriedenheit des Lebens und findet sein Glück.

Epikurs Garten war ein einzigartiger Ort, an dem die Freundschaft einen zentralen Platz einnahm. Für den Meister ist Freundschaft der größte Segen, den die Weisheit für ein glückliches Leben bereithält. Sie bietet emotionale Sicherheit, Unterstützung in Lebensfragen und gegenseitige Hilfe. Indem er im Hier und Jetzt lebt, verschiebt der Epikureer das Glück nicht auf morgen. Er weiß, dass die Freude am Dasein in jedem Augenblick vollkommen ist. Indem wir unsere Grenzen akzeptieren, hören wir auf, Scheingestalten nachzujagen und entdecken, dass das Glück in greifbarer Nähe ist.

Epikur (341–270 v. Chr.) wurde 341 v. Chr. auf der Insel Samos (Griechenland) geboren. Nach Reisen und Lehrtätigkeiten ließ er sich 306 v. Chr. in Athen nieder. Dort erwarb er ein Grundstück, das später zum „Garten“ werden sollte, einer Schule, die allen offenstand, auch Frauen und Sklaven, was revolutionär gewesen ist. Er starb 270 v. Chr. an einer schmerzhaften Krankheit und forderte seine Schüler auf, weiterhin „zu lachen und zu philosophieren“. Im Zentrum von Epikurs Lehre steht das „vierfache Heilmittel“, das darauf abzielt, die Leiden der Seele zu heilen und Unerschütterbarkeit (ataraxie) zu erreichen.

Das Heilmittel wird in vier Punkten dargelegt: Götter sind nicht zu fürchten, der Tod ist nicht zu fürchten, das Glück, das gute Leben, ist leicht zu erlangen und der Schmerz ist leicht zu ertragen. Durch die Anwendung dieser einfachen Prinzipien befreit sich der Mensch und kann gut leben. Diese einfachen Prinzipien von Epikur können als Leitlinien für ein gutes Leben dienen: 1) Suche nach innerem Frieden, indem du Störungen und eitle Leidenschaften meidest 2) Beschränke dich auf natürliche und notwendige Bedürfnisse 3) Pflege Freundschaften. Knüpfe aufrichtige Freundschaften als Schutzwall gegen Unsicherheit und Einsamkeit. 4) Lebe im Hier und Jetzt. Genieße die Freuden im Dasein, ohne auf das Versprechen der Unsterblichkeit zu hoffen.

Zitat “Jedes Wählen und Meiden [von welchen Dingen, Aktivitäten etc. auch immer] muss auf die Gesundheit des Körpers und die ungestörte Ruhe (ataraxia) der Seele zurückgeführt werden, weil dies das Ziel des glücklichen Lebens ist. Um dessentwillen nämlich tun wir alles, damit wir weder Schmerz noch Unruhe empfinden. Sobald dies aber einmal eintritt, löst sich jeglicher Sturm der Seele, weil das Lebewesen nicht umhergehen muss wie auf der Suche nach etwas, dessen es bedarf, und nicht nach etwas anderem suchen muss, das das Gut der Seele und des Körpers erfüllen würde.

Nur dann nämlich haben wir ein Bedürfnis nach Lust, wenn wir Schmerz empfinden, der aus der Abwesenheit von Lust herrührt; wenn wir aber nicht Schmerz empfinden, dann bedürfen wir nicht mehr der Lust. Und deswegen nennen wir die Lust den Anfang und das Ziel des glücklichen Lebens.” (Epikur, Menoikeus-Brief, Diogenes Laertios 10.128; Übers. Rapp, s. LS 21B1f.). Weitere Quellen: Karl Marx „Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie“, 2023, Marx' 1841 eingereichte Dissertation.

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